Landstrich Nr. 39

FORTSETZEN

In Vorbereitung

Editorial

Braucht es einen Auftrag zur Fortsetzung, fragt der Protagonist in Helmut Rizys kleiner Erzählung »Fortgesetzt«. Als es den LANDSTRICH fast schon nicht mehr gab – 2022 war die letzte Nummer erschienen, und so hieß sie auch: »Zu guter Letzt« –, hatte sich Ratlosigkeit über das Bedauern gelegt, dass nun offenbar doch keine Fortsetzung mehr folgen würde. Noch wollte man es nicht ganz glauben, denn Franz Hamminger, der den LANDSTRICH die letzten zehn Jahre in Eigenregie mit seiner Tochter Julia geführt hat (ein unschätzbares Verdienst!), hatte eine letzte Nummer mehrmals angekündigt – dann ging es doch noch weiter, einmal noch, noch einmal … Aber mit der Nummer 38 schien endgültig der Vorhang gefallen. Noch gab es den »Kulturverein Landstrich«, der 2025 noch eine Ausstellung im Kubin-Haus ausrichtete, danach sollte der Vereinsbehörde die Auflösung bekanntgegeben werden …

In der Kultur geht es um Widerspruch, genauer: sie lebt davon. Helga Hofer, die sich mit dem Ende des LANDSTRICH nicht abfinden wollte, begann eine kleine Gruppe Kunst- und Literaturinteressierter um sich zu scharen. Die Kulturzeitschrift, die jährlich seit 1980 erschien, war mit der Zeit ein nicht mehr wegzudenkendes Kulturgut geworden, und das nicht nur in der Region. In ihr haben Autor:innen wie Friederike Mayröcker, Bodo Hell, Julian Schutting, Martin Pollack (um nur einige zu nennen) mehr oder weniger regelmäßig publiziert, bildende Künstler:innen wie Alois Riedl, Josef Pillhofer, Maria Moser (stellvertretend für viele andere!) haben mit ihren Arbeiten die einzelnen Nummern bereichert oder waren in Ausstellungen des »Kulturvereins Landstrich« im Kubin-Haus in Zwickledt vertreten. Diese mehr als vierzig Jahre währende Kulturarbeit ist Auftrag, sie fortzusetzen. Aber können wir das? Werden wir Zeit, Kraft und Ausdauer dazu haben, und vor allem, werden wir weiterhin von der öffentlichen Hand Fördermittel bekommen, um wenigstens einen Teil der Kosten abdecken zu können und auch das Erscheinen spezieller Publikationen zu Literatur und bildender Kunst (EDITION LANDSTRICH) zu ermöglichen? Wir wissen es nicht, aber wir haben uns entschlossen, es zu versuchen. Nicht zuletzt hat uns die große Nachfrage ehemaliger LANDSTRICH-Abonnent:innen ermutigt – oder eigentlich beauftragt, weiterzumachen.

Bei der Suche nach einem neuen Thema drängte sich das affirmative Motto »Fortsetzen« geradezu auf, nicht nur weil es die logische Folge auf die »gute Letzt« ist – der Widerspruch, den wir einlegen wollen! Die Vielfalt literarischer und bildnerischer Formen, die in dieser Nummer zum Ausdruck kommt, bestätigt den »Auftrag«, der sich gleichsam von selbst versteht. Es gibt Textsorten, die leben vom Fortsetzen. Tagebücher, fortlaufende Chroniken sind die gewöhnlichsten ›Fortsetzungsgeschichten‹ in der Literatur. Der im Jänner 2025 verstorbene Schriftsteller und Übersetzer Martin Pollack hat in den 1970er-Jahren kurzfristig ein Journal geführt, das er mit »Kronik«, dem polnischen Wort für Chroniken (Mehrzahl!), überschrieben hat. Pollack war damals 31 und aufstrebender Journalist, er schrieb für internationale Zeitungen und Magazine und stand am Anfang einer schriftstellerischen Laufbahn, die immer mit der vielfältigen Kultur Osteuropas verbunden war. Dazu gehörte auch sein bis zuletzt fortgesetzter Einsatz für polnische, ukrainische, weißrussische Autor:innen, denen er als ebenso kenntnisreicher wie leidenschaftlicher Scout einen Weg in den Westen bahnte.

Ganz anders die Tagebuchblätter Julian Schuttings vom März 2025 mit der bangen Frage, wie es mit dem Leben im Alter weitergeht. (Wie viel Schreibpapier brauch man noch? Wie viel Waschmittel?) Das dritte ›Journal‹ ist ein Fundstück aus dem bürgerlichen 19. Jahrhundert, ein in seiner Geradlinigkeit fast erschreckendes Dokument: Da schreibt eine Familie ihre nüchterne Lebensbeschreibung einsilbig fort – bis es irgendwann nichts mehr fortzusetzen gibt. Was bleibt dann?

Diese Frage stellt auch Erich Hackl, wenn er von einem Frauenschicksal im Spanischen Bürgerkrieg und dem Verschwinden aus der Geschichte erzählt: »So endet dieser Lebensbericht abrupt, ohne die unerlässliche Fortsetzung« … Stellt man die Textsorte der chronikalen, dokumentarischen Erzählung neben die fiktionale Erzählung von Helmut Rizy, in der sich ein alternder Autor um die Fortschreibung seines Romans – aber auch die seines letzten Lebensabschnittes – sorgt, oder Anna Weidenholzers kleine Geschichte von den Dingen, die irgendwann ihren Anfang nehmen und sich heimlich fortsetzen, dann bildet sich hier die schöne Klammer von Fiktion und Wirklichkeit. Im Fall von Weidenholzer eine kafkaartige Wirklichkeit, die zwei Menschen in einer Mauernische zusammenführt, die hier sitzen, um aufzuschreiben, was sie andere im Vorbeigehen sagen hören – am Ende entstünde daraus, egal was es festzuhalten gilt, eine Fortsetzungsgeschichte. Man könnte das Leben selbst eine banale Fortsetzungsgeschichte nennen. Eine solche kann langweilig oder so spannend sein, dass es im Leser – so die Kindheitserinnerung von Detelf Seydel – fiebrige Ungeduld hervorruft. Aber banal ist gar nichts – vom Gegenteil erzählt Magdalena Wieser, wenn sie sich der sprachlichen Fortsetzung in ihrem Leben (und damit eines Konfliktes) bewusst wird.

Vom Fortsetzen als vielmehr zerstörerischen Sucht, dem Jonglieren am Kapitalmarkt, schreibt Toni Kleinlercher. Petra Nagenkögel berichtet von den »sich immer weiter fortschreibenden Gesetzen einer durchökonomisierten Welt« und stellt die Frage, »wer wir darin sind und was denn von uns bleiben wird …«

Es muss darauf keine Antwort geben, manchmal erfüllt sich ein Gleichmaß, wie es Karl-Markus Gauß in seiner ›Triestiner Arabeske‹ über Zeit und Ewigkeit entwirft. Oder Richard Wall es im Kontinuum der Natur, in deren Begehen und Beobachten findet. Und manchmal, das bekundet uns die Geschichte von Marlene Gölz, muss man sich neu erfinden, um weitermachen zu können.

Die Literatur als Instanz macht sichtbar, verdeutlicht, abstrahiert. Die lyrische Form als sich ebenso fortsetzende und nicht zufällige, sondern berechnete Kraft ist eine der vielen Spielarten, ob es sich nun um konzeptionelle, visuelle Poesie oder um Haikus handelt – Christian Steinbacher, Ronald Pohl, Bernadette Haller –, bis hin zum Ikon, zum Zeichen, das das Fortschreiben visualisiert, also selbst zum Bild, zum Objekt wird: Fritz Lichtenauers »Fortsetzung folgt« steht am Übergang zur bildenden Kunst – zu den vielen Bildern im Bild, wie sie Regina Moritz praktiziert, in deren Arbeiten sich ein Bild in vielen kleinen Bildern wie von selbst fortsetzt (überdies animiert von Gedichten Steinbachers, also Fortsetzung des Wortes im Bild). Christoph Lugers Versionen einer seiner Papierarbeiten zeigen uns den Prozess des malerischen Fortsetzens, des Überarbeitens, sich Entwickelns bis zum fertigen Kunstwerk (aber ist es je fertig?). Die Fotos vom Mahnmal in Berlin, einer Landschaft aus sich scheinbar unendlich fortsetzenden Betonblöcken, wiederum bekunden, dass es eine Last der Geschichte als Kontinuum gibt, der wir uns stellen müssen.

Das verdeutlicht auch der Text von Sabine Scholl, der männliche amerikanische Mythen in ihrer Drastik reflektiert und die negative Fortentwicklung des einstigen Vorbilds der Demokratie sichtbar macht. Fotos der ›Kapitolstürmer‹ im Jänner 2021 haben die Autorin angeregt, »sozusagen eine Fortsetzung in die ungute Richtung«, wie sie selber dazu anmerkt.

Was sich in die andere Richtung fortsetzen muss, ist der Kampf um Selbstbestimmung: »Die Straßenproteste gehen weiter«, heißt es bei Michal Hvorecký, der die zusehends von Russland eingeschüchterte proeuropäische Demokratiebewegung in Georgien begleitet hat. Seine Schilderung endet in einem flammenden Appell, nicht müde zu werden. Der moralische Appell ist gleichsam die Antwort auf die Frage in Helmut Rizys Text, ob es einen Auftrag zur Fortsetzung braucht. Ja, wir setzen fort!

Gerhard Zeillinger

 

Mit Beiträgen von: Karl-Markus Gauß / Anna Weidenholzer / Julian Schutting / Gerhard Zeillinger / Christian Steinbacher / Regina Moritz / Helmut Rizy / Petra Nagenkögel / Erich Hackl / Martin Pollack / Michal Hvorecký / Sabine Scholl / Toni Kleinlercher / Fritz Lichtenauer / Detlef Seydel / Bernadette Haller / Richard Wall / Magdalena Wieser / Marlene Gölz / Christoph Luger / Ronald Pohl

Erscheinungsjahr: 2026